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Design: Aus Unkraut werden stylische Stühle
Mit ihrer Teekampagne ist die Berliner Projektwerkstatt, 1985 gegründet, bekannt geworden. Mittlerweile sind die Ableger der Freien Universität Berlin nicht nur ins Geschäft mit Energiesparlampen eingestiegen: Sie haben auch ein wucherndes Unkraut als Rohstoff entdeckt - und verkaufen Designerstühle aus Wasserhyazinthen.
Die Wasserhyazinthe ist ein Rohstoff, der einfach wächst. Man muss ihn nicht anbauen, nicht pflegen, sondern muss ihn nur ernten. „Und tut selbst damit noch etwas Nützliches“, schreibt Günter Faltin, Gründer der Projektwerkstatt und Professor an der Freien Universität Berlin, in seinem Aufsatz „Das Netz weiter werfen“. Denn Wasserhyazinthen sind zu einer wahren Plage geworden.
„Vor allem in Afrika und Asien verstopft die Eichhornia crassipes (so ihr lateinischer Name) ein Gewässer nach dem anderen“, ist auf der Internetsite der Projektwerkstatt zu lesen. Im Viktoriasee, dem größten See des schwarzen Kontinents, sei der Wasserhyazinthen-Teppich an einigen Stellen so dicht, dass man zu Fuß zur nächsten Insel laufen könne.
Wegen ihrer wunderschönen blauen Blüten wurde die Schwimmpflanze exportiert: Die „Eichhornia crassipes“, so ihr lateinischer Name, kam 1880 nach Europa, und von hier wahrscheinlich im Jahre 1884 auf die indonesische Insel Java. Während sie in ihrem ursprünglichen Lebensraum - dem Amazonasgebiet - genügend natürliche Feinde hatte, konnte sie sich außerhalb ihrer Heimat ungehindert vermehren und ist zum Problem geworden. Denn in vier Monaten werden laut Projektwerkstatt aus einer Pflanze 600, das entspricht 470 Tonnen Biomasse pro Hektar. Die zähen Stiele blockieren die Schrauben von Fischerbooten, und in Wasserkraftwerken verstopfen sie die Turbinen.
Durch Zufall wurde Faltin auf einen Sessel aus Wasserhyazinthen aufmerksam. „Das schöne Stück stand im Studio der thailändischen Designerin Khun Tük.“ Beeindruckt vom seidenen Glanz, den die Pflanzenstängel annehmen, wenn man sie durch eine Mangel dreht, hat die Designerin sie in ein Gerüst aus Rattan geflochten. Und stellt auf diese Weise sehr schöne und haltbare Stühle her.
Kein Wachstumsmarkt und keine Marktnische - die Stühle gibt es trotzdem heute in Deutschland zu kaufen. Bei der Projektwertstatt. „Jedes einzelne Teil für sich, die Wasserhyazinthe oder der Sessel, hat nichts Erfolgversprechendes. Beide Teile zusammen gesehen sind eine Provokation: Lästiges Unkraut wird plötzlich zu einem Rohstoff von unerschöpflichem Potenzial. Oder anders ausgedrückt: Turn a problem into an entrepreneurial opportunity“, schreibt Faltin über das Wasserhyazinthen-Projekt der Projektwerkstatt. Und: „Vom ersten Einfall, über Recherchen und Experimente bis zur ausgereiften Idee, vergingen Jahre. Vom ersten Prototyp für die Bundesrepublik bis zum richtigen Start des Verkaufs in diesem
anspruchsvollen Markt waren es noch einmal drei.“
Doch das macht letztendlich einen guten Unternehmer aus: Er wird „Probleme wie Umweltverschmutzung, Chemie in Lebensmitteln oder die Situation in der Dritten Welt wahrnehmen und in seinen Überlegungen berücksichtigen. Er wird versuchen, sich mit gesellschaftlichen Problemlagen und Trends auseinanderzusetzen, wie sie häufig gerade von Unangepassten und Außenstehenden zuerst erkannt werden“, meint Faltin. Und zitiert Schopenhauer: Der Spleen ist oft das Beste an einem Menschen, sein kreativster Teil, mit dem große Energien freigesetzt werden können, ein Stück Utopie zu verwirklichen.
Der gesamte Aufsatz „Das Netz weiter werfen“ ist im Internet zu finden unter:
www.fu-faltin.de/pdf/Netzweit.pdf
Infos zur Projektwerkstatt und zum Wasserhyazinthenprojekt gibt es unter:
www.waterhyacinth.de
www.projektwerkstatt.com