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Interview: Zauberwort "Schlanksein"?
Schätzungen zufolge leidet jede zehnte Frau an einer schweren Ess-Störung - Tendenz steigend. Wie gehen Therapeuten und Ernährungsberater mit dieser Krankheit um? Was können sie tun? Darüber spricht Doris Schmalhofer, Praxis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz und ärztlich geprüfte Ernährungsberaterin.
Welche Gruppe hat ein besonders hohes Risiko, an einer Ess-Störung zu erkranken?
Doris Schmalhofer: Ess-Störungen treten in jungen Jahren immer häufiger auf, das Eintrittsalter sinkt kontinuierlich. Zunehmend sind auch Männer betroffen. Amerikanische Psychologen fanden jetzt zu alledem zwei neue Risikogruppen heraus: Frauen ab 30 und Frauen in der Lebensmitte, die verzweifelt versuchen, in einer jugendfixierten Welt jung auszusehen.
Was heißt das genau?
Wenn schon älter, dann wollen die Frauen wenigstens schlank sein. Sie versuchen, das vermeintliche Traumziel einer "jungen Figur" mit Hungern (Anorexia nervosa) oder Erbrechen nach dem Essen (Bulimie) zu erreichen - oft bis an den Rand der Selbstzerstörung.
Und die Familie?
Viele Betroffene schämen sich für ihr Verhalten und verheimlichen es. Sie fühlen sich schuldig. Selbst engste Angehörige merken oftmals nichts von ihrem Leid.
Woher kommt dieser Schlankheitswahn?
In unsere Gesellschaft ist Älterwerden wenig attraktiv. Im Gegenteil, es scheint nichts im Leben mit so viel Ablehnung und Ängsten verbunden zu sein. Schön fühlen sich Frauen nur, wenn sie jünger aussehen als sie sind. Aufgrund übertriebener Schönheitsideale fühlen sich zwei von drei Frauen zu dick. Das Geschäft mit Diäten ist ein Millionengeschäft!
Bulimie und Anorexia galten früher als typische Krankheiten, die in der Pubertät auftraten. Wieso sind inzwischen immer häufiger Frauen in den Wechseljahren betroffen?
Wechseljahre stellen eine ähnliche Dynamik im seelischen und körperlichen Erleben einer Frau dar wie die pubertäre Entwicklung. Die Hormone stellen sich um, der Körper wandelt sich, es beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der oftmals belastet ist durch den Auszug der Kinder, Beziehungsschwierigkeiten, den Tod der Eltern oder die Angst vor der Veränderung des Körpers. Je schwieriger dieser Wandlungsprozess ist, desto eher besteht die Gefahr einer Ess-Störung. Besonders gefährdet sind die Personen, die als Jugendliche schon damit zu tun hatten.
Was sind die Merkmale einer Ess-Störung?
Viele Betroffene befinden sich in einem Teufelskreis, den sie oft aus eigener Kraft nicht mehr durchbrechen können.
- Das Essen, bzw. das Nichtessen wird zum alltäglichen Kampf.
- Es wurden schon verschiedenste Diäten ausprobiert.
- Die Lösung aller Probleme wird in einer schlanken Figur gesehen.
- Es gibt "erlaubte" und "unerlaubte" Lebensmittel.
- Es werden Abführ- und/oder Entwässerungsmittel benutzt.
- Es wird exzessiv Sport betrieben.
- Es findet ein ewiger Kreislauf von Diät, Heißhunger oder Fressanfällen statt.
Wie können Therapeuten helfen?
Um die Lebens- und Erlebensqualität deutlich zu verbessern und damit dem destruktiven Muster "Ess-Störung" zu entkommen, gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. So können zum Beispiel im Einzelgespräch oder in einer Gruppe individuelle Problemlagen aufgedeckt, frühere Erlebnisse durchgearbeitet und neue Schritte erprobt werden. Körperorientierte Verfahren, kreative Therapien und Ausdrucksarbeit helfen Klarheit zu gewinnen, um eine Neuorientierung zu erreichen. Diese Therapien unterstützen die Heilung, verhelfen unbewussten Prozessen zum Ausdruck, erzeugen kreative Impulse und entwickeln ein neues Körpergefühl. Ziel ist es unter anderem, Selbstvertrauen zu wagen, den eigenen Körper wieder zu spüren und die eigene Schönheit zu entdecken.
Welche Themen werden dabei behandelt?
- Wir hinterfragen, in welchen Situationen Hungern und Essen zum "Problemlöser" gemacht werden?
- Wie schlank muss ich sein, um mich zu mögen?
- Welche Gefühle und Bedürfnisse suchen in der Ess-Störung ihren Ausdruck?
- Welche Potenziale und Möglichkeiten habe ich als Frau?
- Wie lebe ich mit und in meinem Körper, wie kann ich ihm Gutes tun?
- Vor allem aber: Gemeinsam müssen neue Konflikt- und Lösungsstrategien für schwierige Alltagssituationen entwickelt werden.
Welchen Beitrag kann ein Ernährungsberater leisten?
Ernährungsberatung bei Menschen mit Ess-Störungen ist sinnvoll und wichtig in Kooperation mit einem Arzt, Heilpraktiker oder Psychotherapeuten. Menschen mit einer Ess-Störung haben nicht nur jegliches Maß für Art, Menge und Zusammensetzung ihrer Nahrung verloren, sie essen auch ohne jegliche vernünftige physiologische Tageszeitabfolge.
Wichtig kann auch ein genauer Essensplan sein und Hilfe bei der zeitlichen Struktur. Essgestörte Menschen haben zwar meistens ein umfassendes Wissen in Bezug auf Kalorienlehre, aber wenig Vorstellung von den Gesamtzusammenhängen bezüglich Ernährung beziehungsweise einer ganzheitlichen, gesunden Ernährung.
Was ist Grundvoraussetzung, um dem Teufelskreis zu entkommen?
Wichtig für alle Betroffenen ist es, den Mut zu haben, den ersten Schritt zu wagen, das Tabu zu brechen und sich kompetente Beratung und Hilfe zu holen, um zu einem glücklichen und erfüllten Leben zu finden. Erst dann können wir wirklich helfen.
Ein Themen-Chat zum Thema "Schlank sein" ist in Planung.
Buchtipp: Der Traum von der jungen Figur, Kathrin Seyfahrt, Kösel Verlag